Die Legende
von den drei Lebenden
und den drei Toten

Diese aus dem Orient stammende Legende erzählt von drei auf die Jagd reitenden Königinnen, im Wald stoßen sie auf drei Särge mit halbverwesten Leichen. Diese geben sich als ihre Väter zu erkennen und mahnen die Lebenden mit den Worten „quod fuimus estis-quod sumus eritis“, „was wir waren, seid ihr- was wir sind, werdet ihr sein“, dieser Ausspruch lässt sich durch viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Auch erwähnt werden sie, in indischen Quellen aus dem 6. Jahrhundert, arabische Texte aus vorislamischer Zeit und ein Trauergedicht von Alkuin dem Lehrer Karls dem Großen. Diese Legende ist für die Geschichte des Totentanzes von großer Bedeutung, weil darin zum ersten Mal sprechende Totesgestalten vorkommen. Die Überlieferung erreicht im 14. und 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt.

Von Kunsthistorikern werden verschiedene Darstellungsformen unterschieden: Bilder auf denen sich die Verstorbenen in unterschiedlichen Verwesungsgraden aus ihren Gräbern erheben oder Bilder auf denen sich die Personen bewegungslos gegenüber stehen (De-Lisle- Psalter 14. Jahrhundert). Die Lebenden können zu Pferd wiedergegeben sein (Abtei Saint-Riquier 1521). Es sind meist Könige, oder ein Jüngling, Erwachsene und ein Greis. Kampfdarstellungen zwischen den Parteien sind sehr selten, zeigen jedoch, dass der Übergang zum aus Sterbeszenen bestehenden Totentanz fließend ist.

In den Bildern der Legende sprechen nur die Verstorbenen, in den literarischen Fassungen währenddessen können sich lange Dialoge entwickeln. Hier berichten die Toten, wer sie gewesen sind und was sie sich zu Schulden kommen haben lassen. Sie warnen und mahnen die Lebenden, ihre Einstellung gut zu überdenken, im Hinblick auf das jüngste Gericht.

Die bekannteste Wandmalerei der drei Lebenden mit den drei Toten ist auf dem „Camposanto in Pisa“, dem mit Marmor ummauerten Monumentalfriedhof hinter dem schiefen Turm. Bonamiso Buffalmacco schildert auf seinem etwa 1336 entstandenem Fresko, das Leben in der wohlhabenden Stadt. Links unten stoßen Reiter auf Verstorbene in ihren Särgen, daneben predigt Macarius, während in der oberen Zone der Alltag der Mönche geschildert wird. Rechts unten versammelt sich die höfische Gesellschaft in einem paradiesischen Garten, als von oben eine Furie mit Sense und Fledermausflügeln naht. Es ist die Personifikation der Totes, die über die Einwohner Pisas triumphiert.

Literatur:
Uli Wunderlich, Der Tanz in den Tod, Eulen Verlag 2oo1
Reinhold Hammerstein, Tanz und Musik des Todes,
Die Mittelalterlichen Totentänze und ihr Nachleben. Bern und München 1980

http://www.elfenbeinturm.net/archiv/2002a/angst3.html