Sektionen – Anatomielehre

Im Mittelalter gab es – entgegen allgemeiner Auffassung – kein allgemeines kirchliches Verbot der Anatomie. Die Kirche lehnte Sektionen an menschlichen Leichen ab und begründete dies mit dem Glauben an die Auferstehung des Fleisches. Nun wich man auf Tiersektionen aus, meist waren das Schweine und Affen sie erschienen dem Menschen am ähnlichsten.

Obduktionen wurden im Frühmittelalter häufiger vorgenommen um in juristischen Streitfragen z. B. die Todesursache eines Verstorbenen zu bestimmen, um wie bei der Pest oder bei Verdacht auf Vergiftung zweifelhafte Todesursachen aufzuklären.

1163 wurden chirurgische Tätigkeiten durch Mönche über das Konzil von Tours „Die Kirche verabscheut Blut” verboten.

Die Sitte, die im oder auf dem Weg ins Heilige Land verstorbenen Ritter an Ort und Stelle abzukochen, um die Gebeine zurück ins Heimatland nehmen zu können, wurde von Papst Bonifaz VIII. 1299 verboten. Auch belegte er ein Jahr später Leichensektionen mit einem Kirchenbann.

Seid dem 14. Jh. wurden Lehrsektionen wieder möglich, neben Tieren wurden auch Menschen seziert, wie verurteilte Verbrecher deren Körper wie der der Tiere außerhalb der Gesellschaft stand und deren Hinrichtungsart bei Bedarf den Bedürfnissen der Anatomen angepaßt wurde. Der wirklich große Umschwung in der Bewertung der Anatomie kam erst mit der Renaissance, die Einstellung zu den Naturwissenschaften begann sich zu verändern. Nun wurde der Körper zum lebendigen Organismus blieb nicht nur verlassener Träger der Seele. Auch die Kirche veränderte ihre Einstellung. Die Päpste Sixtus IV.(+1484) und Clemens VII: (+1534) sprachen sich nun explizit für die Erlaubnis zum Anatomiestudium an menschlichen Leichen aus. Jetzt wurde sich auf das Gebot der Nächstenliebe berufen.

Der innovativste Anatom des 16. Jh. war Andreas Vesalius 1564

Er führte eigenhändig Sektionen durch und ließ sich dabei von seinen Schülern helfen.

Sein Werk die „Fabrica“ enthält Abbildungen in dem ein Muskelmann entblättert – nach innen entkleidet wird. Schicht um Schicht des stützenden Muskelapperats werden abgeschält. Schließlich ist die Figur soweit entblöst, dass sie an Schultern und Kopf aufgehängt gestützt werden muss, damit sie nicht zusammen bricht. Die Körperhaltung des Schlussbildes verrät Leiden und vermittelt das „Vanitasmotiv“ und soll an die eigene Vergänglichkeit erinnern.

Leonardo da Vinci (1452- 1519)

Die anatomischen Zeichnungen von Leonardo da Vinci muß man hier unbedingt erwähnen, sie waren nicht nur von künstlerischem Wert, sondern von aussergewöhnlicher Präzision. Insgesamt sind etwa 35 eigenhändige Sektionen Leonardo’s bekannt, die er im florentinischen Hospital Santa Maria Nuova obduziert habe. Im Vorwort seiner Anatomielehre schrieb er:“[…] und wenn du auch die nötige Liebe für diese Sache hättest, so wist du vielleicht durch deinen Magen daran gehindert werden, und wenn dich dieser nicht davon abhält, dann wird die Furcht, zur Nachtzeit in der Gesellschaft solcher gevierteilter und enthäuteter und schrecklich aussehender Leichen zu verbringen, dich vielleicht sehr erschrecken.“

Leonardo verfolgte bis zu seinem Lebensende das Ziel, eine komplette Darstellung der Funktionsweise des menschlichen Lebens zu schaffen.

Der menschliche Körper wird öffentlich.

In der Öffentlichkeit um 1600 gab es ein sehr großes Interesse an Sektionen. Vergleicht man die Reaktionen mit der heutigen Tabuisierung des Todes, nur wenige von uns würden an einer Leichenöffnung teilnehmen. So wurde für die feine Gesellschaft des 16.Jh. die sich zu öffentlichen Anatomievorlesungen an den Universitäten trafen, ein anatomisches Theater errichtet, 1594 in Padua war eines der ersten. Als Vorbild dienten die römischen Amphitheater: Die Sitzreihen waren halbkreisförmig, manchmal auch kreisförmig übereinander angeordnet. Im Zentrum befand sich der gut sichtbare Sektionstisch. Zunächst gab es Sektionen nur im kleinen Kreis, Ärzte, Chirurgen und Medizinstudenten. Dann öffnete man die Türen auch für die Öffentlichkeit: Zu sehen ist eine festliche Versammlung, der Name „Theater“ weist auf die Art und Weise hin wie eine Demonstration ablief. Es wurde eine prunkvolle Zeremonie  im großen Rahmen veranstaltet, die Gesellschaft traf sich bei Erfrischungen und feierte ausgelassen. So eine öffentliche Sektion dauerte mehrere Tage, die aufgeteilt wurden: am ersten Tag sah man die Eingeweide des Bauches, am zweiten die Organe der Brust, am dritten den Schädelinhalt, am vierten die Gliedmaßen und ihre Muskeln , Adern, Nerven und Knochen sowie die Wirbelsäule.

Zuschauer sind neben dem Fachpublikum, auch anderes männliches Publikum z.B. Adel, Klerus, hohes Bürgertum, ein gesellschaftliches Großereignis bei dem man auch Eintrittsgeld bezahlen musste . Wenn es um eine weibliche Leiche ging oder man ihre Geschlechtsteile sehen wollte, wurde die Gebühr verdoppelt.