Teilbestattung

Tod in der Fremde

Vom Ableben armer Pilger oder Reisenden gibt es im Mittelalter kaum Berichte, großes Glück hatte der, der eine Kirche oder Hospiz fand, dort musste man nicht ganz einsam sterben. Der unselige und schimpfliche Tod war im Mittelalter der des verlassenen Reisenden zu Wasser und zu Lande.

Wie gut wenn man ein Herrscher war, starb dieser in der Fremde wurde der Verstorbene meist gleich beigesetzt, nach den Ritualen wie sie im Kreis der Begleiter üblich waren. Wenn ein „Großer“ starb kam es an unterschiedlichen Orten oft zu einer Teilbestattung. Der auf einem Kreuzzug ins Heilige Land 1190 verstorbene Kaiser Friedrich I. Barbarossa, in Tarsus (Eingeweide) bzw. im Dom von Antiochia („Fleisch“). Die Organe wurden dann an ganz besonderen Orten beigesetzt z.B. im Chor einer Kirche. Auch war die Herzbestattung keine Seltenheit und wurde öfter vorgenommen.

Weil die Entnahme von Eingeweiden nicht sehr ungewöhnlich war zumindest im Spätmittelalter, zeigen die bildlichen Darstellungen, der Personifizierung des Todes, mit aufgeschlitztem Unterleib.

Sektion

Das Kochen und Zerlegen

Verstarb zum Beispiel ein Landgraf auf dem Weg ins Heilige Land bekam er einen feierliches Totenamt, wurde in teures Tuch gewickelt und beigesetzt. Nun brach man erst einmal zum Kreuzzug auf, nach der Rückkehr war es üblich wenn ein „Vornehmer“ in der Fremde verstorben war, das der Leichnam wieder ausgegraben wurde, zerlegt und solange gekocht bis sich das Fleisch von den Knochen löste. Die Gebeine wurden in einen kostbaren Schrein gelegt, der unter Gebeten bewacht wurde. Es wurden Opfergaben gespendet und eine Messe gehalten, danach zog man weiter in die Heimat (1227 Ludwig IV. von Thüringen).

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So ein Toter wurde fast wie ein lebender Fürst empfangen. Das letzte Wegstück begleitete eine feierliche Prozession, die Beisetzung war nach alter christlicher Tradition.

Das Zerlegen und Kochen der Leichname war nicht unumstritten. Papst Bonifaz VIII. hat im Jahre 1299 einiges dagegen vorgebracht, dass „einige Gläubige“ Leichen, um sie in ferne Länder überführen zu können, in Wasser kochen, zerteilen und verbrennen; das sei ein „Missbrauch“, vor der die christliche Frömmigkeit schaudere. Der Papst musste sein Verbot im folgenden Jahr mit fast den gleichen Worten wiederholen. Trotz allem wollte man die Gebeine Vornehmer dort haben wo man sich angemessen darum kümmern konnte und keiner hatte die Zeit den Verwesungsprozess abzuwarten, vor allem wenn die Zeiten unruhig waren.

Tod Kaiser Heinrich VII.

Beim Tod Kaiser Heinrich VII. im August 1313 der an Malaria in Neapel verstarb haben wir ein gutes Beispiel. Vor seinem Tod befahl er, das sein Herz im Sarkophag seiner Gemahlin in Genua beigesetzt werden solle diese war im Dezember 1311 verstorben. Um die Leiche von Buonconvento, über eine weite Strecke - man entschied sich vielleicht erst unterwegs für das reichstreue Pisa – überführen zu können, sah man sich gezwungen, das Fleisch, das in der Sommerhitze sehr schnell verweste, abzubrennen (13 Jahre nach dem päpstlichen Verbot).

1921 wurde im Grabmahl des Kaisers zu Pisa eine Urne geöffnet: Schenkelknochen und Rückenwirbel waren teilweise verkohlt. So hatte man unterwegs nicht den lästigen Verwesungsgeruch ertragen müssen und den Trägern war ihre Last (im August) wohl um einiges leichter geworden.

_heinrich_tod in Pisa

Einbalsamierung

Um Kenntnisse über den Körper zu erlangen wurde die Sektion zur Hilfe genommen die seid dem 14. Jahrhundert wieder erlaubt war. An den medizinischen Fakultäten diente sie nicht nur zur wissenschaftlichen Beobachtung, sondern auch praktischen Zwecken, wie der Erhaltung der Leichen.

Seit dem 14. Jahrhundert wurden die Leichen bestimmter großer Persönlichkeiten präpariert, um sie an ihren manchmal weit entfernten Bestattungsort transportieren zu können, oder sie wurden zerteilt und bestimmungsgemäß auf mehrere Gräber verteilt.

Dabei wurden die Leichen zerlegt und gekocht um an den edleren Teil, die Knochen zu kommen, die dann herausgenommen wurden. Es ging nicht um eine völlige Konservierung oder um eine perfekte Technik, sondern man strebte nach Reduktion.

Vom 15. Jahrhundert an wurden sie durch die Einbalsamierung ersetzt so dass der Leichnam konserviert war. Die hatte sich zur selben Zeit entwickelt wie der Prunk der königlichen Bestattungen. Der König stirbt nicht. Er wurde wie ein Lebender ausgestellt, mit allen Attributen der Macht, die er zu Lebzeiten hatte, in diesem Ausstellungsraum war zur gleichen Zeit ein Bankett vorbereitet. Der Anschein von Leben war notwendig, um die Fiktion glaubwürdig zu machen, wie die Verzögerung der Zersetzung wegen der Länge der Zeremonien. Auch der hohe Adel ahmte diese Einbalsamierungen nach, es war allgemein verbreitet in der „englischen“ Aristokratie am Ende des 16. Jahrhunderts.

Aber auch hier wurde sich ganz nach dem letzten Wunsch des Testatar gerichtet, nicht jeder wollte geöffnet werden, der Tote wurde hierzu auf eine Strohmatte (sah auch aus wie eine Flechtmatte)und in Blei gelegt bis er kalt war.

Es ist sicher dass in der „französischen“ Aristokratie des siebzehnten Jahrhunderts die Einbalsamierung eine feste Tradition war. Erwähnt wurde dies kaum in Testamenten da es zur Routine gehörte. Sie war auch jedes Mal mit einbegriffen, wenn es sich um ein „Herzgrab“ und folglich um Entfernung der Eingeweide handelte. Ausdrücklich wurde die Einbalsamierung erwähnt in Fällen, wo der Erblasser einen längeren Transport und eine Aufbewahrung vor der Beerdigung verlangte.

Die Angst

Langsam tauchte nun die Furcht vor dem lebendig begraben werden auf und viele französische Testatare wollten nicht sofort in Blei(bleiernen Sarg)gelegt werden, sondern erst nach 24 Stunden. Eine Furcht die zwanghaft werden wird und von nun an immer bei den Entscheidungen über die Öffnung des Leichnams eine Rolle spielt.

Man fürchtete sich auch davor lebend seziert zu werden, so stellte ein Testatar 1669 fest : „Ich erkläre, dass es meine Absicht ist, dass mein Körper so lange wie möglich aufbewahrt werde, aber ohne das man ihn zum einbalsamieren öffnet.“

Eine Prinzessin von Geblüt, „Ich verbiete, dass man mich öffnet, und ich will dass man mich nach 24 Stunden begräbt…“

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1690 Francoise Amat, Marquise de S.: „Ich will und empfehle, dass man mich nicht öffnet und das ich zwei Mal 24 Stunden im selben Bett bleibe.“

Neu ist auch die Sorge um einen unversehrten Körper. Der Herzog von Terranova 1597 hatte zwei Jahre vor seinem Tod in Madrid eine Anordnung aufgesetzt das er in Sizilien bei seiner geliebten Gemahlin bestattet werden möchte. Trotz des langen Transports verlangt er ausdrücklich dass der Leichnam „nicht geöffnet werde, um Spezereien oder irgend etwas anderes hineinzutun.“ Welche Manipulationen und Zurüstungen hätte ein adliger Leichnam ein oder zwei Jahrhunderte vorher über sich ergehen lassen müssen, bevor seine Knochen in Sizilien eingetroffen wären.

Am Ende des 17.Jahrhunderts geht es nun weniger um die Konservierung bei der Öffnung eher um die wissenschaftliche Erkenntnis und auch um eine existentielle Unruhe und Neugier.

Literatur:

Aries Philippe, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, dtv Wissenschaft 1976

Aries Philippe, Geschichte des Todes 1980

Aries Philippe, Bilder zur Geschichte des Todes 1984 Carl Hanser Verlag München Wien

Norbert Ohler, Sterben und Tod im Mittelalter, 1990 Artemis Verlag

Tankred Koch, Lebendig begraben, Geschichten vom Scheintod 2002 Tosa Verlag, Wien

Harry Kühnel, Alltag im Spätmittelalter 1996 Graz Wien Köln