Das Leben des Leichnams
(zusammengefasst aus dem Buch „Geschichte des Todes” von Philippe Aries)

Im 17. und 18. Jahrhundert sieht man den Tod in einer anderen Gestalt, es gibt Mediziner die über den toten Körper schreiben.

Die Ärzte werden von nun an die besten Medien der allgemeinen Glaubensvorstellungen sein. Sie ersetzen fast die Geistlichen, die diese Rolle im Mittelalter und in der Renaissance übernommen hatten. Auch waren es nicht immer echte Gelehrte, viel beruht auf Leichtgläubigkeit, die Grenzen auf medizinischem Gebiet und in der Wissenschaft vom Leben waren unsicher, die Fakten wurden mündlich überliefert und es ist nicht einfach, Erdichtetes von Beobachtung zu trennen. Welche Gedanken in ihrer Zeit in der Luft lagen, dafür hatten nicht nur die Geistlichen ein Gespür gehabt, jetzt auch die Mediziner.

Auszüge aus einer medizinischen Abhandlung von einem lutherischen Arzt aus Dresden, der von 1640 bis 1700 lebte, L.Christ. Frid. Garmann. Nach seinem Tod wurde die Abhandlung von seinem Sohn, auch ein Mediziner, unter dem Titel: “De miraculis mortuorum (Von den Wundern der Toten) veröffentlicht. Sie spiegeln die zu dieser Zeit herrschende Einstellung vieler Menschen (Ärzte, Gelehrte, das Volk) zum Leichnam. Die Leichen taten also Wunder?

Der Tod und der tote Körper sind selbst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, unabhängig von den Ursachen des Todes: das heißt dass man den Tod studierte, bevor man seine Ursachen kennt, und nicht nur, um diese zu entdecken. Man sieht sich den Toten an, wie man sich später den Kranken auf seinem Bett ansah.

Man beschäftigt sich in heutiger Zeit mit der Krankheit und nicht mehr mit dem Tod(außer in der Gerichtsmedizin) was man zu dieser Zeit aber intensiv tat. Die Auszüge aus dem Buch von Garmann werden uns also vom Tod, wie ihn manche Ärzte des 17.Jahrhunderts sahen berichten. Obwohl man unter den Ärzten und Gelehrten nicht immer gleicher Meinung war. Da gab es die, die an die Fortsetzung einer bestimmten Form von Leben und Empfindungsvermögen im Leichnam glaubten, jedenfalls solange er nicht zum vertrockneten  Skelett geworden war. Diese erkennen implizit eine Zusammensetzung des Lebewesens an, die sich nicht auf die Vereinigung von Körper und Seele beschränkt. Das Volk hat sich lange geweigert zuzugeben, dass der Verlust der Seele den Körper allen Lebens beraube.

 Wiederum gab es die andere Seite, die orthodoxe christliche Elite, sie ist die Erbin der mittelalterlichen Wissenschaft, nämlich der Scholastik, für die Vereinigung und die Trennung von Leib und Seele von Schöpfung und Tod zeugen. Dann kommen noch die Geister die uns heute rationaler erscheinen, da ihr kritischer Sinn in der zeitgenössischen Wissenschaft den Triumph davongetragen hat.

Die Gegenüberstellung sind nicht nur zwei Gemeinschaften von Gelehrten, es sind auch zwei Lebensauffassungen, die selbst an zwei existentielle Haltungen geknüpft sind. Man sollte sich Fragen ob die Ärzte gewählt haben und wenn ja welche der zwei Thesen. Das ist nicht klar, aus diesem Grund wird Garmann von  Autoren und Verfassern medizinischen Biographien am Ende des 16.Jahrhunderts als leichtgläubiger Wissenschaftler verurteilt, der den absurdesten Geschichten Glauben schenkte. Die Gelehrten misstrauten auch dem Volk und derer Neigung zum Aberglauben.

Wenn Garmann eine außergewöhnliche Geschichte erzählte, fügte er sofort einen skeptischen und vernünftigen Kommentar hinzu, dennoch liefert er uns alle Details. Das war damals ein üblicher Kniff, um strittige Ideen vorzubringen und dabei nur ein geringes Risiko auf sich zu nehmen.

Garman berichtet von einem Fall der Organverpflanzung, die zu dieser Zeit nicht unbekannt waren und die er belegt: ein Edelmann hatte im Krieg seine Nase verloren, ihm wurde eine andere Nase angesetzt; die Operation glückte, und die Nase blieb an ihrem Platz bis zu dem Augenblick, als sie, später, zu faulen begann. Nachdem man sich erkundigte, stellte man fest, dass dies im Augenblick des Todes des Spenders geschehen war: der hatte seine abgetrennte und ferne Nase bei seinem eigenen Ende mitgenommen.

Zweifelhaft auch die Geschichten von Toten, die vom Grund ihres Grabes Geräusche- wie die von Schweinen- von sich geben; wenn man das Grab öffnet, sieht man, dass die Toten ihr Leichentuch oder ihre Kleider verzehrt haben; das ist ein schreckliches Vorzeichen der Pest. Garman widmet diesen Leichen ein langes Kapitel seines Buches. Es handelt sich um halb natürliche, halb dämonische Phänomene. Man streitet sich darüber…

Dieses Empfindungsvermögen des Leichnams hat praktische Konsequenzen, die im täglichen Leben nicht zu vernachlässigen sind, und vor allem geht davon eine ganze Arzneikunde aus: die Leichname liefern den Grundstoff zu sehr wirksamen Heilmitteln (aber ohne magischen Charakter). So ist der Schweiß von Toten gut für Hämorrhoiden und „Gewächse“; die Berührung der Hand eines Toten, die Reibung des kranken Körperteils mit dieser Hand können heilen, wie es einer wassersüchtigen Frau ergangen ist, die ihren Bauch mit der Hand eines noch warmen Leichnams reiben ließ ( deshalb sind die Hände eines Anatomen immer im guten Zustand). Eine Reihe von Heilmitteln ist dazu bestimmt, das lebende Glied mit demselben toten Glied zu heilen, den Arm und den Arm, das Bein durch das Bein. Der ausgedörrte Schädel bringt dem Epileptiker Erleichterung (die Knochen werden in Form eines aus ihrem Pulver gebrauten Sudes eingenommen).

Diese Heilmittel sind durch die Anwendung eines allgemeinen Prinzips von Sympathie und Antipathie auf den Leichnam bestimmt, dass ein Restbestand von Leben in den toten Körpern voraussetzt. Eine Pfeilwunde wird mit der Asche von Pfeilen behandelt. Das Eisen das einen Mann getötet hat, besitzt therapeutische Kräfte.

Auch die Knochen haben eine vorbeugende Kraft, es wird immer wieder empfohlen sie in Kleider einzunähen oder sie sich um den Hals zu hängen, nicht als ein memento mori, sondern wegen ihrer Kräfte: das ist der Übergang vom memento mori, von aus Wirbelknochen hergestelltem Rosenkranz zum vorbeugenden Amulett. Soldaten bekommt es gut, den Finger eines toten Soldaten bei sich zu tragen.

Die Erde von Gräbern, vor allem der Gehängten (immer dieselbe zwanghafte Vorstellung!), ist ebenfalls reich an heilenden Kräften. Das Wachstum von Pflanzen wird gefördert, da mit Knochen angereicherte Böden fruchtbar sind. Die Verwesung ist fruchtbar, die Erde aus Toten ist wie der Tod selbst Quelle des Lebens: exquisitum alimentum est (sie ist eine ausgezeichnete Nahrung), eine Vorstellung, die im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zu den revolutionären Entdeckungen Pasteurs allgemein wird.

Die Liste der wohltätigen Eigenschaften des Leichnams erstreckte sich bis zum Aphrodisiakum, das auf der Grundlage von ausgeglühten Knochen glücklicher Ehepaare und toter Liebespaare zusammengestellt wird. Kleider von Toten, sogar nur Fetzen heilen Kopfweh, glaubten die Belgier.

Von Garmann gibt es auch ein Rezept, „göttliches Wasser“ nach Th. Bartholin und Hieronymus Hirnheim: man nimmt den ganzen Leichnam (totum cadaver) eines Mannes, der zuvor bei guter Gesundheit war, aber eines gewaltsamen Todes gestorben ist, man schneidet ihn in sehr kleine Stücke, Fleisch, Knochen und Eingeweide, man mischt das Ganze gut und löst es anschließend in der Retorte zu Flüssigkeit auf. Neben vielen anderen medizinischen Wirkungen ermöglicht dieses Wasser, die Lebenserwartung eines Schwerkranken mit Sicherheit abzuschätzen: in eine bestimmte Menge dieses Wassers gießt man drei bis neun Blutstropfen des Kranken, man rührt das Ganze vorsichtig über Feuer um; wenn Wasser und Blut sich gut mischen, ist das ein Zeichen für Leben; wenn sie getrennt beleiben, ist das ein Zeichen für Tod(mangels Blutes kann man auch Urin, Schweiß oder andere Sekrete benützen).

 

Vor allem erlauchte Persönlichkeiten benutzten solche Medizin, da sie kostspielig und schwierig zum herstellen war. Karl II. von England hatte während einer Krankheit eine Mixtur von 42 Tropfen aus Extrakten des menschlichen Schädels getrunken!

Ohne Zweifel tragen die nützlichen Wirkungen der Leichname über die schädlichen den Sieg davon. Man betrachtete beide Vorstellungen als natürlich, die Magie spielt dabei nur eine geringe Rolle, und die Fälle eines Gebrauchs „ad veneficia magica“ (zu magischen Liebeszauber) sind selten. Aber dennoch benützte man zum Beispiel die rechte Hand von zu früh oder tot geborenen und ungetauften Kindern oder ein aus ihrer Haut gemachtes Pergament (denken wir an die Rolle der toten Kinder in den Hexenszenen von Goya). Erzählt wurde auch, dass einen Kerze aus menschlichem Talg hilft, Schätze zu finden…

Dies ist hier jetzt nur kurz umrissen, denn die Literatur ist umfangreich und sehr fantasiereich, die Vorstellung der Ärzte vom Ende des 17.Jahrhunderts über die Erscheinungen oder Wunder an Leichen wie sie z.B. bei Garmann zu verfolgen sind. Diese Ärzte(Gelehrte) gestanden den Toten eine Art von Persönlichkeit zu, sie suggerierten, dass er noch Sein in sich habe und es bei Gelegenheit manifestiere.

Im 19.Jahrhundert wird die Medizin diesen Glauben aufgeben und sich der These anschließen, dass der Tod an sich nicht existiert, Trennung von Seele und Körper, Deformation und Nicht- Leben ist. Der Tod ist reine Negativität geworden. Er wird keinen Sinn mehr außerhalb der charakterisierten, benannten und katalogisierten Krankheit haben, deren letzte Etappe er darstellt. Dennoch gibt es Reste der alten Medizin noch in einem Artikel der „Revue francaise de medecine militaire“ von 1860, wo von dem Gesichtsausdruck von Soldaten, die auf dem Schlachtfeld getötet worden sind, gehandelt wird: eine sehr ernsthafte physiognomische Untersuchung der Leichname.

Literatur: Ph. Aries, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland
               Ph. Aries, Geschichte des Todes (Der tote Körper S.451)


 L.C.F. Garmann, De miraculis mortuorum, Dresden und Leibzig 1709
2003 neu ersch. Herg. Silvio Benetello und Bernd Herrmann „De Miraculis Mortuorum“
Universitätsdrucke Göttingen ISBN 3-930457-31-8

Interessante Internetseite:
http://www.nlm.nih.gov/exhibition/dreamanatomy/da_gallery.html